Marie von Ebner-Eschenbach: Das Blatt

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ebnereschenbach-blattVom Winde getrieben flog ein welkes Blatt neben einem Vogel durch die Luft.

„Sieh“, raschelte es triumphierend, „ich kann fliegen wie du.“

Wenn du fliegen kannst, so mache mir das nach!“, antwortete der Vogel, wandte sich und steuerte mit kräftigem Flügel gegen den Wind.

Das Blatt aber wirbelte ohnmächtig dahin, bis sein Träger plötzlich den Atem anhielt und es in ein Bächlein fallen ließ, das klar und munter durch den Wiesengrund jagte. Nun segelte das Blatt auf den Wellen und gluckste den Fischen zu: „Seht mich an, ich kann schwimmen wie ihr!“

Die stummen Fische widersprachen ihm nicht; da blähte es sich auf und meinte: „Das sind anständige Kreaturen, die lassen einen doch gelten!“

Weiter glitt es, und merkte nicht, wie es dabei quoll und schon faul war durch und durch.

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Gesammelte Schriften, Bd. 1: Parabeln, Märchen und Gedichte (3. Auflage, 1893).

Marie von Ebner-Eschenbach: Zwei Ungläubige

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Zwei Ungläubige betraten eine Kirche, in der eben das Meßopfer abgehalten und zur Wandlung geläutet wurde. Der eine blieb aufrecht stehen, der andre kniete mit den Betenden nieder.
„Wie konntest du knien?“, fragte ihn beim Fortgehen sein Gefährte, „du glaubst ja nicht.
„Ich beugte mich vor dem Glauben der andern“, erhielt er zur Antwort.

(Sämtliche Werke, Bd. 6, Altweibersommer)

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Marie von Ebner-Eschenbach: „In Wirklichkeit hatte ich eben einen Drachen getötet“

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„Manchmal, wenn es besonders lange still geblieben war in meiner Ecke, wandte die Großmutter sich nach mir um und fragte:
‚Bist Du noch da? Was tust du?‘
Scheinbar tat ich nichts. In Wirklichkeit hatte ich eben einen Drachen getötet oder die greuliche Stiefmutter Grognon in ein Faß voll giftiger Schlangen gescheudert.“

Marie von Ebner-Eschenbach: Meine Kinderjahre (1906).